Aktuell Woche 52

Flugchaos 2018: Gründe und Lösungen für Flugverspätungen und -ausfälle

In diesem Jahr gab es so viele Flugverspätungen wie nie zuvor und allein an schweizer Flughäfen starteten täglich fast 140 Flüge verspätet oder fielen ganz aus. Die Luftfahrtindustrie kommt der gestiegenen Nachfrage nach Flugreisen nicht hinterher und die Gründe hierfür sind vielfältig. Philippe Strässle, Experte für schweizer Fluggastrechte des weltweit führenden Fluggasthelfer-Portals, AirHelp (www.AirHelp.com), hat Ursachen für das diesjährige Flugchaos zusammengetragen und zeigt Lösungsansätze auf, damit sich das Flugchaos dieses Jahres nicht noch einmal wiederholt.

Die häufigsten Ursachen für Probleme im Luftverkehr
Neben unvermeidbaren Gründen für Flugverspätungen – wie zum Beispiel Unwetter – ist der Mangel an Piloten eine der Ursachen für viele Flugprobleme. Der Dachverband der Fluggesellschaften, die IATA, gab kürzlich bekannt, dass knapp die Hälfte aller Luftfahrtunternehmen Schwierigkeiten dabei haben, neue Piloten zu finden. Dies liegt laut IATA einerseits an dem geringen Angebot an Piloten auf dem Markt und andererseits an den dementsprechend hohen Gehaltsforderungen vieler Flugzeugkapitäne. Eine Besserung dieser Situation ist nicht in Sicht und so wird für die nächsten 20 Jahre eine Nachfrage nach weiteren 637.000 Piloten prognostiziert.

Aber auch die steigende Nachfrage nach Flugreisen und der damit verbundene Übertourismus setzt die Luftfahrtunternehmen unter Druck. Nach Angaben der International Air Transport Association (IATA) wird die Nachfrage und Häufigkeit des Flugreiseverkehrs in den nächsten Jahren voraussichtlich um 3,5 Prozent pro Jahr steigen. Dieser Nachfrage kommen die Fluggesellschaften aktuell nicht hinterher, denn neben dem nötigen Personal sind auch zusätzlich benötigte Flugzeuge rar. Selbst einige Flughäfen drohen bereits an ihre Kapazitätsgrenzen zu stoßen. 

Wie reagieren die Fluggesellschaften?
Diese Betriebsprobleme sorgen auch bei den Airlines für finanzielle Einbußen, weshalb der Branchengewinn in diesem Jahr laut IATA um 12 Prozent zurückging. Die Airlines reagierten darauf mit steigenden Ticketpreisen und Gebühren. Sie versuchen also die fehlenden Einnahmen auf ihre Kunden zu übertragen, anstatt Lösungen zu entwickeln, um diese Flugprobleme in den Griff zu kriegen. So erhöhten Marktführer wie Ryanair und Lufthansa in diesem Jahr ihre Gepäckgebühren.

Die Zahlen sprechen für sich: Unsere internen Daten zeigen, dass allein in diesem Jahr knapp 345.000 Millionen Fluggäste in der Schweiz Anspruch auf Entschädigungen in Höhe von bis zu 600 Euro pro Passagier aufgrund von extremen Flugverspätungen oder -ausfällen haben. Das sind mehr als doppelt so viele geschädigte Passagiere wie im Vorjahreszeitraum.

Wie kann die Branche der erhöhten Nachfrage nach Flugreisen gerecht werden?
In erster Linie sollten die Airlines alles dafür tun, um genügend Personal – vor allem Piloten – zur Verfügung zu haben. Dafür sollten die Airlines die Arbeitsumgebung für die Flugzeugkapitäne so attraktiv wie möglich gestalten. Anstatt ihre Preise zu erhöhen, um finanzielle Einbußen zu kompensieren, müssen die Fluggesellschaften das Geld lieber in ihr Personal investieren, um letztlich Flugprobleme und damit verbundene Verluste zu vermeiden. Denkbar wäre zudem die gezielte Förderung von weiblichen Nachwuchs-Pilotinnen, denn noch immer wird der Beruf des Flugzeugkapitäns von Männern dominiert. Laut eines Berichts der britischen Zeitung “The Telegraph” beträgt der Frauenanteil unter Piloten bei keiner Airline weltweit mehr als 8 Prozent. Hier gibt es noch viel Potential nach oben.

Um der steigenden Nachfrage nach Flugreisen gerecht zu werden, sollten private wie öffentliche Flughafenbetreiber zudem dafür sorgen, dass Investitionen in den Ausbau von Start- und Landebahnen sowie Unterbringungsmöglichkeiten für große Flugzeuge bereitstehen, damit so viele Passagiere wie möglich transportieren werden können. Auf hochfrequentierten Strecken könnten Airlines dadurch zum Beispiel verstärkt größere Maschinen einsetzen – sofern diese vorhanden sind – und mehr Passagiere transportieren. Saudi Arabia Airlines verkündete beispielsweise kürzlich, dass sie während der Hauptreisesaison auf beliebten Strecken auf größere Maschinen mit 115 mehr Sitzen setzen würden.

Nur zwei von zehn Europäern kennen ihre Rechte
Um pünktlich transportiert zu werden, müssen auch die Konsumenten mehr Druck auf die Fluggesellschaften ausüben. Eine gute Möglichkeit dafür ist die Durchsetzung des EU-Passagierrechtes in Fällen von Flugverspätungen mit mehr als drei Stunden oder -ausfällen. Wenn die ausführende Airline für das jeweilige Flugproblem verantwortlich war, haben betroffene Passagiere nämlich Anspruch auf Entschädigungen in Höhe von bis zu 600 Euro pro Person. Doch noch immer kennen nur zwei von zehn Europäern ihre Rechte und dementsprechend fordert ein Großteil der geschädigten Passagiere keine finanziellen Entschädigungen bei den Airlines ein. Hier stehen die Fluggesellschaften in der Pflicht, ihre Passagiere über ihre Rechte zu informieren, wie es der Gesetzgeber vorgibt.

Letztlich müssen alle Branchenvertreter an einem Strang ziehen, damit sich ein Flugjahr wie 2018 nicht noch einmal wiederholt. Von dem aktuellen Marktkampf in der europäischen Flugbranche profitieren nämlich weder Airlines noch ihre Kunden. Damit die Luftfahrt langfristig weiter wachsen kann, müssen alle Parteien wieder verantwortungsvoller wirtschaften und ihren Fokus auf einen funktionierenden Arbeitsbetrieb statt auf immer größere Marktanteile legen. Dann profitieren am Ende alle Seiten – Fluggesellschaften, Flughafenbetreiber, die Politik und auch die Verbraucher.

 

www.airhelp.com/de-ch/

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